Zoomen Sie heraus! 😉 Warum wir manchmal erst mit etwas Abstand sehen, was wirklich los ist

Stellen Sie sich vor, Sie hÀtten am 8. Juli 2014 nur die ersten zehn Minuten des WM-Halbfinales zwischen Brasilien und Deutschland gesehen.

Brasilien spielt vor heimischem Publikum mit enormem Druck nach vorne. Das Stadion kocht. Deutschland muss sich zunÀchst gegen die Wucht des Gastgebers behaupten.

Ihr Urteil könnte ziemlich eindeutig ausfallen:

Das wird fĂŒr Deutschland ein verdammt schwieriger Abend.

Und damit lÀgen Sie nicht einmal falsch.

Nur wÀre Ihr Bild ziemlich unvollstÀndig.

Denn was danach passierte, ist bekannt: Deutschland gewann das Halbfinale in Belo Horizonte mit 7:1. Bereits zur Halbzeit stand es 5:0.

Interessant ist aber weniger das Ergebnis als die Frage:

Wie konnte man dieselbe Partie so unterschiedlich wahrnehmen?

Weil man immer nur einen Ausschnitt betrachtet.

Das Problem mit dem zu kleinen Bildausschnitt

Stellen Sie sich vor, Sie schauen ein Fußballspiel und die Kamera zeigt ausschließlich einen einzigen Spieler.

Sie sehen einen Menschen, der plötzlich stehen bleibt, hektisch die Richtung wechselt, mit den Armen gestikuliert und offenbar völlig unkoordiniert ĂŒber den Rasen lĂ€uft.

Sie könnten daraus eine ziemlich abenteuerliche Geschichte entwickeln.

Was Sie nicht sehen:

den Ball.

Die Mitspieler.

Den Gegner.

Das Tor.

Den Spielstand.

Und vor allem: den Zusammenhang.

Genau das passiert uns im Alltag erstaunlich hÀufig.

Wir zoomen so weit hinein, dass wir zwar jedes Detail erkennen – aber nicht mehr wissen, wo dieses Detail eigentlich hingehört.

Im Unternehmen sieht das dann so aus

Ein Mitarbeiter widerspricht Ihnen in einer Besprechung.

Der kleine Bildausschnitt lautet:

„Der stellt sich schon wieder gegen mich.“

Ein bisschen weiter herausgezoomt:

Vielleicht hat er einen Punkt angesprochen, den andere ebenfalls sehen, sich aber nicht zu sagen trauen.

Oder:

Ein Kunde entscheidet sich gegen Ihr Angebot.

Nahaufnahme:

„Die sind grundsĂ€tzlich nicht an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert.“

Weitwinkel:

Der Kunde hat gerade selbst BudgetkĂŒrzungen, verĂ€ndert seine Strategie oder verschiebt das Projekt.

Oder:

Ihr Unternehmen durchlÀuft eine Umstrukturierung.

Nahaufnahme:

„Warum trifft es ausgerechnet mich?“

Mit etwas Abstand:

Es gibt möglicherweise wirtschaftliche GrĂŒnde, strategische VerĂ€nderungen oder organisatorische Notwendigkeiten, die ĂŒberhaupt nichts mit Ihrer persönlichen Leistung zu tun haben.

Der grĂ¶ĂŸere Bildausschnitt macht die Situation nicht automatisch angenehmer.

Aber er macht sie verstÀndlicher.

Herauszoomen heißt nicht, Probleme kleinzureden

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wer bei einem echten Problem einfach sagt „Ach, wird schon nicht so schlimm sein“, zoomt nicht heraus.

Er blendet aus.

Herauszuzoomen bedeutet etwas anderes:

Ich erweitere den Bildausschnitt, bevor ich mir ein Urteil bilde.

Was sehe ich noch?

Wer ist außer mir noch beteiligt?

Was ist vorher passiert?

Was passiert gleichzeitig an anderer Stelle?

Welche Informationen fehlen mir?

Und vor allem:

Ist das wirklich ein Problem – oder sieht es nur aus meiner aktuellen Perspektive so aus?

Besonders schnell zoomen wir auf uns selbst

Das ist vermutlich einer der hÀufigsten Perspektivfehler.

Der Chef sagt im GesprÀch weniger als erwartet.

„Der ist unzufrieden mit mir.“

Ein Kollege wird nicht zum Termin eingeladen.

„Die wollen mich offenbar ins Abseits stellen.“

Ein Kunde meldet sich seit einer Woche nicht.

„Das Projekt ist vermutlich erledigt.“

Unser Gehirn liebt solche schnellen ErklÀrungen.

Sie geben uns das GefĂŒhl, die Situation verstanden zu haben.

Nur leider fehlt dabei hÀufig der Rest des Bildes.

Vielleicht hat der Chef gerade selbst zehn andere Themen auf dem Tisch.

Vielleicht war die Entscheidung organisatorisch lÀngst gefallen.

Vielleicht steckt der Kunde bis ĂŒber beide Ohren in seinem eigenen TagesgeschĂ€ft.

Nicht alles, was sich gegen uns anfĂŒhlt, hat mit uns zu tun.

Das ist eine ziemlich entlastende Erkenntnis.

Auch Erfolg kann tÀuschen

Und genau deshalb gefĂ€llt mir das Beispiel Deutschland–Brasilien so gut.

Denn der zu kleine Bildausschnitt kann nicht nur Probleme dramatischer erscheinen lassen.

Er kann auch Erfolge verzerren.

Wer nur das 7:1 betrachtet, könnte glauben:

Deutschland war einfach haushoch ĂŒberlegen und alles lief wie von selbst.

Aber selbst Joachim Löw beschrieb spĂ€ter, dass Brasilien zu Beginn enormen Druck entwickelte und Deutschland zunĂ€chst diese ersten fĂŒnf bis zehn Minuten ĂŒberstehen musste. Der deutsche Matchplan habe anschließend genau die RĂ€ume genutzt, die sich durch Brasiliens offensive Spielweise ergaben.

Und auch nach der Pause gab es noch Phasen, in denen Brasilien zu Chancen kam. Löw erinnerte daran, dass seine Mannschaft deshalb weiter seriös und konzentriert spielen musste.

Der Erfolg wird nicht kleiner, wenn man das ganze Bild betrachtet.

Im Gegenteil.

Man versteht besser, was tatsÀchlich zu ihm beigetragen hat.

Das lĂ€sst sich ziemlich direkt ins Business ĂŒbertragen

Nach einem erfolgreichen Projekt heißt es schnell:

„Hat doch super funktioniert.“

Nach einem gescheiterten Projekt:

„Das konnte ja nichts werden.“

Beides sind möglicherweise nur Momentaufnahmen.

Wer genauer hinschaut, stellt vielleicht fest:

Der Erfolg hatte mit guter Vorbereitung, einem gĂŒnstigen Zeitpunkt und einigen mutigen Entscheidungen zu tun.

Oder:

Das Scheitern lag nicht an einer einzigen falschen Entscheidung, sondern an mehreren kleinen Faktoren, die sich gegenseitig verstÀrkt haben.

Herauszuzoomen bedeutet deshalb auch, Erfolge und Misserfolge genauer zu verstehen.

Nicht nur:

Was ist passiert?

Sondern:

Was habe ich bisher vielleicht noch gar nicht gesehen?

Vier Fragen fĂŒr den Weitwinkel

Wenn Ihnen eine Situation gerade sehr eindeutig erscheint, könnte ein kurzer Perspektivwechsel helfen:

1. Was sehe ich gerade – und was sehe ich möglicherweise nicht?

2. Welche anderen ErklĂ€rungen könnte es fĂŒr das geben, was ich beobachte?

3. Was wĂŒrde ich ĂŒber die Situation denken, wenn ich nicht selbst unmittelbar betroffen wĂ€re?

4. Wie sieht die Situation in drei Monaten aus – und nicht nur heute?

Allein diese Fragen können den Bildausschnitt deutlich vergrĂ¶ĂŸern.

Und manchmal verÀndert sich dadurch nicht einmal die Situation.

Nur unser Blick darauf.

Ein bisschen mehr Abstand kann erstaunlich viel verÀndern

Beim Fotografieren wissen wir lÀngst, was passiert:

Mit der Nahaufnahme erkennen wir Details.

Mit dem Weitwinkel erkennen wir ZusammenhÀnge.

Beides ist wichtig.

Auch im Berufsalltag brauchen wir beides.

Manchmal mĂŒssen wir ganz genau hinschauen.

Und manchmal ist genau das unser Problem.

Dann sehen wir nur noch den einen Satz, die eine Reaktion, die eine Zahl, den einen Fehler oder die eine Absage.

Vielleicht wĂ€re es dann Zeit, den inneren Zoom ein StĂŒck zurĂŒckzudrehen.

Nicht um etwas schönzureden.

Nicht um Verantwortung abzugeben.

Sondern um wieder das ganze Bild zu sehen.

Denn ein Ausschnitt kann scharf sein – und trotzdem ein völlig falsches Bild vermitteln.

Also:

Zoomen Sie ruhig mal heraus. 😉

Manchmal liegt die Lösung nicht nÀher vor unseren Augen.
Sondern etwas weiter weg.