Schwarzmalen kann ziemlich vernünftig sein 😉 Warum es manchmal klüger ist, sich auszumalen, was alles schiefgehen könnte
„Denk positiv!“
Optimismus gilt als Stärke, für Führungskräfte erscheint es wie eine Pflicht.
Schwarzmalen dagegen als schlechte Angewohnheit.
Wer ständig darüber nachdenkt, was alles schiefgehen könnte, gilt schnell als Pessimist.
Aber ist das wirklich so?
Bevor ein guter Investor viel Geld in ein Unternehmen steckt, macht er etwas, das im privaten Leben erstaunlich selten vorkommt:
Er malt schwarz.
Nicht emotional.
Nicht dramatisch.
Sondern ziemlich nüchtern.
Was kann schiefgehen?
Wie wahrscheinlich ist es?
Was würde es kosten?
Und vor allem:
Was tun wir, wenn es tatsächlich passiert?
Das ist kein Pessimismus.
Das ist Risikomanagement.
Und vielleicht können wir uns davon für unsere eigenen Entscheidungen einiges abschauen.
Warum wir bei unseren eigenen Entscheidungen anders ticken
Wenn es um Geld anderer Leute geht, sind wir häufig erstaunlich rational.
Wenn es um uns selbst geht, wird es emotional.
Ein neuer Job?
Was, wenn es dort nicht funktioniert?
Ein schwieriges Gespräch?
Was, wenn die Beziehung danach schlechter ist?
Ein eigenes Projekt?
Was, wenn es scheitert oder doch eine Nummer zu groß ist?
Eine Veränderung?
Was, wenn ich es bereue?
Und plötzlich wird aus zehn möglichen Risiken im Kopf ein einziges riesiges Monster:
„Das könnte alles schiefgehen!“
Das Problem:
Wir analysieren die Risiken des Handelns.
Aber wir analysieren selten die Risiken des Nicht-Handelns.
Genau hier wird es interessant.
Was kostet es eigentlich, nichts zu tun?
Nehmen wir eine Führungskraft, die seit Monaten weiß:
Mit einem Mitarbeiter muss ein klärendes Gespräch geführt werden.
Der Mitarbeiter liefert nicht zuverlässig.
Das Team ärgert sich.
Die Führungskraft ärgert sich.
Und trotzdem wird das Gespräch immer wieder verschoben.
Warum?
Weil das mögliche Gespräch unangenehm ist.
Was, wenn er beleidigt reagiert?
Was, wenn er kündigt?
Was, wenn die Situation eskaliert?
Alles reale Risiken.
Aber jetzt kommt die andere Seite:
Was passiert, wenn das Gespräch weitere sechs Monate nicht stattfindet?
Der Mitarbeiter verändert sein Verhalten vermutlich nicht von allein.
Das Team gewöhnt sich daran.
Die Führungskraft verliert Glaubwürdigkeit.
Die Frustration steigt.
Und irgendwann ist das Problem nicht mehr nur der Mitarbeiter.
Das Problem ist die Führung.
Plötzlich hat das Nicht-Handeln ebenfalls einen Preis.
Nur einen, den wir vorher kaum berechnen.
Die Komfortzone ist nicht kostenlos
Das ist vielleicht einer der interessantesten Denkfehler bei Veränderungen:
Wir behandeln den Status quo gerne so, als wäre er kostenlos.
Ist er aber nicht.
Eine unbefriedigende berufliche Situation kostet Energie.
Ein ungelöster Konflikt kostet Aufmerksamkeit.
Eine nicht getroffene Entscheidung produziert Grübeln.
Ein Projekt, das wir nie starten, kostet möglicherweise eine Chance.
Und eine Beziehung, von der wir längst wissen, dass sie nicht mehr funktioniert, kann ebenfalls einen Preis haben.
Wir sehen diese Kosten nur schlechter.
Denn sie kommen nicht als große Rechnung.
Sie tröpfeln.
Ein bisschen Frust hier.
Ein bisschen Energie dort.
Noch ein Abend Grübeln.
Noch ein Monat warten.
Bis wir uns irgendwann fragen:
„Warum habe ich eigentlich so lange damit gewartet?“
Schwarzmalen – aber richtig
Genau hier setzt die von Tim Ferriss populär gemachte Methode des „Fear Setting“ an.
Der interessante Kniff:
Man versucht nicht, Angst wegzudenken.
Man macht sie konkret.
Statt:
„Was, wenn alles schiefgeht?“
fragt man:
Was genau könnte schiefgehen?
Was wäre der schlimmste realistische Ausgang?
Wie wahrscheinlich ist er?
Was könnte ich tun, um ihn zu verhindern?
Und:
Was könnte ich tun, wenn er tatsächlich eintritt?
Aus einem diffusen Schreckgespenst wird ein Problem mit einzelnen Bestandteilen.
Und Probleme mit einzelnen Bestandteilen lassen sich meistens besser bearbeiten als Monster.
Der vielleicht wichtigste Schritt kommt danach
Jetzt drehen wir die Perspektive um.
Nicht:
Was passiert, wenn ich es tue?
Sondern:
Was passiert, wenn ich es nicht tue?
Das ist eine unangenehme Frage.
Aber eine ausgesprochen wertvolle.
Denn manchmal stellen wir dabei fest:
Das Risiko des Handelns ist überschaubar.
Aber das Risiko des Nicht-Handelns wächst jeden Monat.
Genau diese Gegenüberstellung kann Entscheidungen verändern.
Ein kleines Beispiel
Sie überlegen seit einem Jahr, ein eigenes Angebot auf den Markt zu bringen.
Ihre Angst:
Es könnte niemand kaufen.
Okay.
Was wäre dann?
Sie hätten Zeit investiert.
Sie hätten gelernt.
Sie hätten Feedback bekommen.
Sie könnten das Angebot verändern.
Vielleicht würden Sie es wieder vom Markt nehmen.
Nicht schön.
Aber überlebbar.
Und was passiert, wenn Sie es nicht tun?
Vielleicht:
nichts.
Ein Jahr lang.
Dann noch eins.
Und irgendwann kommt möglicherweise der Gedanke:
„Eigentlich hätte ich es zumindest versuchen sollen.“
Das ist eine andere Art von Risiko.
Das Risiko des Bedauerns.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben
Vielleicht liegt genau hier ein interessanter Irrtum.
Mutige Menschen sind nicht unbedingt Menschen, die wenig Angst haben.
Vielleicht sind es eher Menschen, die ihre Angst sortieren können.
Sie fragen:
Was davon ist tatsächlich gefährlich?
Was davon ist lediglich unangenehm?
Was davon kann ich beeinflussen?
Und was kostet es mich, wenn ich gar nichts tue?
Damit wird aus Angst nicht plötzlich Begeisterung.
Aber aus diffuser Angst kann Klarheit werden.
Und Klarheit ist eine ziemlich gute Grundlage für Entscheidungen.
Die 10-Minuten-Schwarzmalerei
Wenn Sie vor einer wichtigen Entscheidung stehen, probieren Sie einmal dieses kleine Experiment.
Nehmen Sie ein Blatt Papier und teilen Sie es in drei Bereiche:
1. Was kann schlimmstenfalls passieren?
Schreiben Sie konkret auf, was Ihnen Angst macht.
Keine Allgemeinplätze.
Keine Katastrophenfilme.
Konkrete Szenarien.
2. Was könnte ich dagegen tun?
Für jedes Risiko:
Verhindern. Begrenzen. Reparieren.
3. Was kostet es mich, nichts zu tun?
Und hier bitte genauso ehrlich sein.
Welche Chancen verpasse ich?
Was bleibt unverändert?
Was verschlechtert sich vielleicht?
Was kostet mich das in sechs Monaten oder einem Jahr?
Und dann kommt die eigentliche Entscheidung
Vielleicht entscheiden Sie sich anschließend gegen die Veränderung.
Auch gut.
Dann haben Sie nicht aus diffuser Angst entschieden, sondern aus einer bewussten Abwägung.
Vielleicht entscheiden Sie sich dafür.
Dann wissen Sie zumindest:
Wovor Sie eigentlich Angst hatten.
Und was Sie tun können, wenn etwas davon tatsächlich eintritt.
Das ist etwas völlig anderes als blind ins Risiko zu springen.
Mut ist nicht das Gegenteil von Vorsicht.
Mut kann das Ergebnis guter Vorsicht sein.
Mein Impuls für morgen
Wenn Sie gerade vor einer Entscheidung stehen, die Sie schon länger vor sich herschieben, probieren Sie einmal etwas Ungewöhnliches:
Malen Sie schwarz.
Aber bitte professionell. 😉
Schreiben Sie auf:
Was kann schlimmstenfalls passieren?
Was kann ich dagegen tun?
Und was passiert wahrscheinlich, wenn ich gar nichts tue?
Vielleicht wird die Entscheidung danach nicht leichter.
Aber möglicherweise wird sie klarer.
Und manchmal ist genau das der Schritt, den wir brauchen:
Nicht weniger Angst.
Sondern weniger diffuse Angst.
Denn wenn wir wissen, wovor wir eigentlich Angst haben, können wir anfangen, damit umzugehen.
Und dann wird aus:
„Was, wenn alles schiefgeht?“
eine wesentlich bessere Frage:
„Was ist das Risiko – und kann ich damit umgehen?“
Und plötzlich ist aus Schwarzmalerei etwas ziemlich Vernünftiges geworden.
Selbstführung eben. 😉
