Lass mal gut sein đ Warum Perfektionismus manchmal verhindert, dass wir ĂŒberhaupt fertig werden
Das sagen Menschen erstaunlich hÀufig mit einem gewissen Stolz.
Fast so, als wÀre Perfektionismus eine besonders sympathische Variante von Ehrgeiz.
Und tatsĂ€chlich klingt es ja erst einmal gut: Hohe AnsprĂŒche, QualitĂ€t, Sorgfalt, keine halben Sachen.
Wer möchte nicht gerne gute Arbeit abliefern?
Das Problem beginnt dort, wo aus âIch möchte es gut machenâ ein âEs darf auf keinen Fall nicht perfekt seinâ wird.
Denn dann kann aus einer StÀrke ziemlich schnell eine Bremse werden.
Der letzte Meter ist manchmal der teuerste
Eine bekannte Faustregel besagt: FĂŒr die letzten 20 Prozent einer Aufgabe kann ein ĂŒberproportional groĂer Teil des Aufwands anfallen.
Ob es tatsÀchlich immer genau 80 Prozent sind, sei dahingestellt.
Aber wahrscheinlich kennen Sie das Prinzip: Die PrÀsentation ist eigentlich fertig. Nur noch eine Grafik.
Die Grafik ist fertig. Aber die Ăberschrift könnte noch besser sein.
Die Ăberschrift ist besser. Jetzt passt die SchriftgröĂe nicht mehr.
Und wenn wir schon dabei sind, könnte man eigentlich noch âŠ
Stopp.
Irgendwann muss auch einmal Schluss sein.
Denn die Frage lautet nicht:
âWie gut könnte es theoretisch noch werden?â
Sondern:
âIst es fĂŒr den Zweck bereits gut genug?â
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Perfektionismus hat einen kleinen Bruder: Aufschieberitis
Und damit sind wir wieder bei unserem letzten Artikel.
Denn Perfektionismus und Aufschieberitis sind manchmal erstaunlich gute Freunde.
âIch fange an, wenn ich mehr Zeit habe.â
âIch möchte es erst richtig durchdenken.â
âMir fehlt noch eine Information.â
âSo kann ich das noch nicht abschicken.â
âDas muss noch besser werden.â
Klingt vernĂŒnftig.
Ist aber manchmal nur eine besonders gut gekleidete Form des Aufschiebens.
Perfektionismus gibt der Aufschieberitis sogar eine vornehme BegrĂŒndung.
Man ist schlieĂlich nicht untĂ€tig.
Man hat nur sehr hohe QualitĂ€tsansprĂŒche. đ
Und woher kommt dieser Anspruch?
Perfektionismus kann unterschiedliche Ursachen haben: persönliche AnsprĂŒche, Erfahrungen mit Anerkennung und Leistung, stĂ€ndiger Vergleich mit anderen, Angst vor Fehlern oder der Wunsch, Kontrolle zu behalten.
Die genaue Ursache ist fĂŒr den Alltag allerdings oft gar nicht die entscheidende Frage.
Viel interessanter ist: Was macht dieser Anspruch heute mit mir?
Bringt er mich voran? Oder hÀlt er mich fest?
Denn aus einem hohen Anspruch wird dann ein Problem, wenn unser eigener QualitĂ€tsmaĂstab höher liegt als der Nutzen, den die zusĂ€tzliche Arbeit noch erzeugt.
Eine ziemlich unbequeme Frage
Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade ein wichtiges Projekt abgeschlossen.
Nicht perfekt. Aber gut. Vielleicht sogar sehr gut.
Was wĂŒrde passieren?
WĂŒrde jemand nach drei Wochen noch darĂŒber sprechen, dass die PrĂ€sentation auf Seite 17 eine etwas bessere Grafik hĂ€tte haben können?
WĂŒrde es in drei Monaten noch eine Rolle spielen? In drei Jahren?
Oder wĂ€re es vielleicht viel wichtiger gewesen, das Projekt ĂŒberhaupt fertiggestellt zu haben?
Dazu passt ein kleiner Klassiker:
Wie nennt man jemanden, der seine Doktorarbeit gerade so bestanden hat?
Doktor. đ
Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.
Gut ist nicht dasselbe wie egal
Und jetzt bitte nicht falsch verstehen.
Perfektionismus abzulegen bedeutet nicht:
âIst mir doch egal.â
Es bedeutet auch nicht:
âQualitĂ€t wird ĂŒberschĂ€tzt.â
Und schon gar nicht:
âHauptsache fertig.â
Es geht um etwas anderes:
Anspruch und Aufwand mĂŒssen zusammenpassen.
Bei einer Herzoperation gelten andere QualitĂ€tsmaĂstĂ€be als bei einer PowerPoint-PrĂ€sentation.
Bei einer SteuererklÀrung andere als bei einem LinkedIn-Post.
Bei einem wichtigen MitarbeitergesprÀch andere als bei der Formatierung einer Excel-Tabelle.
Nicht jede Aufgabe verdient 100 Prozent.
Das ist keine NachlÀssigkeit.
Das ist Priorisierung.
Die 80-Prozent-Frage
Probieren Sie bei Ihrer nÀchsten Aufgabe einmal etwas Ungewöhnliches:
Wenn Sie bei etwa 80 Prozent angekommen sind, fragen Sie sich:
âWas wĂŒrde sich fĂŒr den EmpfĂ€nger tatsĂ€chlich verbessern, wenn ich jetzt noch zwei Stunden investiere?â
Wenn die Antwort lautet:
âEigentlich nicht viel.â
Dann könnte es Zeit sein, aufzuhören.
Wenn die Antwort lautet:
âDas verĂ€ndert das Ergebnis entscheidend.â
Dann investieren Sie die zwei Stunden.
Das Entscheidende ist:
Sie entscheiden bewusst.
Nicht Ihr innerer Perfektionismus.
Denn manchmal ist âfertigâ besser als âperfektâ
Ein Manuskript, das fertig ist, kann gelesen werden.
Ein Konzept, das fertig ist, kann umgesetzt werden.
Eine Entscheidung, die getroffen ist, kann ĂŒberprĂŒft und korrigiert werden.
Ein GesprĂ€ch, das gefĂŒhrt wurde, kann etwas verĂ€ndern.
Ein Projekt, das abgeschlossen ist, kann Wirkung entfalten.
Ein perfektes Projekt, das niemals fertig wird, kann all das nicht.
Perfektionismus verhindert nicht unbedingt Fehler.
Manchmal verhindert er schlicht Ergebnisse.
Und das ist wahrscheinlich seine gröĂte Ironie.
Mein Impuls fĂŒr morgen
Nehmen Sie sich eine Aufgabe vor, die Sie gerade unnötig perfektionieren.
Und fragen Sie sich:
âWas wĂ€re hier wirklich gut genug?â
Definieren Sie vorher, was fertig bedeutet.
Und wenn dieser Punkt erreicht ist:
Hören Sie auf.
Nicht weil Ihnen die Sache egal ist.
Sondern weil Sie Ihre Energie fĂŒr die Dinge reservieren, bei denen sie tatsĂ€chlich einen Unterschied macht.
Denn am Ende zÀhlt nicht, wie viele Dinge Sie theoretisch hÀtten perfektionieren können.
Sondern was Sie tatsĂ€chlich auf die StraĂe gebracht haben.
**Gut genug ist manchmal nicht weniger als perfekt.
Gut genug ist manchmal einfach: genau richtig.** đ
