Kintsugi – mach was draus! 😉 Warum nicht alles, was zerbricht, kaputt bleiben muss

Es gibt Dinge, die würden wir gerne ungeschehen machen.

Eine falsche Entscheidung.

Ein Projekt, das nicht funktioniert hat.

Einen Kunden, den wir verloren haben.

Ein Gespräch, das völlig anders gelaufen ist als geplant.

Eine berufliche Chance, die wir nicht genutzt haben.

Vielleicht sogar eine Beziehung, die zerbrochen ist.

Unser erster Impuls ist häufig:

Zurück.

Noch einmal anfangen.

Die falsche Entscheidung korrigieren.

Die Zeit zurückdrehen.

Das Problem: Das funktioniert leider nur in Filmen.

Im wirklichen Leben bleibt uns meistens nur eine andere Frage:

Was mache ich jetzt daraus?

Und genau hier kommt eine ziemlich alte japanische Idee ins Spiel.

Wenn aus Bruchstellen etwas Neues entsteht

Kintsugi ist die japanische Kunst, zerbrochene Keramik nicht einfach wegzuwerfen.

Die Bruchstellen werden mit einem Lack repariert, der mit Goldstaub vermischt wird.

Das Entscheidende dabei:

Die Schale wird nicht wieder so hergestellt, als wäre nie etwas passiert.

Die Risse bleiben sichtbar.

Mehr noch:

Sie werden hervorgehoben.

Ausgerechnet das, was vorher als Makel erschien, wird Teil der Geschichte – und der Schönheit des Gegenstandes.

Eine bemerkenswerte Vorstellung:

Nicht trotz der Bruchstellen ist die Schale wertvoll.
Sie wird auch durch ihre Geschichte einzigartig.

Und vielleicht steckt darin eine interessante Lektion für unsere eigene Selbstführung.

Im Business zerbricht erstaunlich viel

Natürlich ist ein verlorener Auftrag keine zerbrochene Keramikschale.

Und ein gescheitertes Projekt schon gar kein persönliches Trauma.

Aber die Mechanik dahinter kennen wir alle.

Ein Projekt läuft aus dem Ruder.

Der Kunde entscheidet sich für einen Wettbewerber.

Eine Beförderung geht an jemand anderen.

Eine neue Strategie funktioniert nicht.

Eine wichtige Entscheidung erweist sich im Nachhinein als falsch.

Oder man stellt irgendwann fest:

„Wenn ich damals anders entschieden hätte, wäre ich heute ganz woanders.“

Gerade dieser letzte Gedanke kann enorm viel Energie kosten.

Denn wir können uns sehr lange mit einer Vergangenheit beschäftigen, die wir nicht mehr verändern können.

Hätte ich doch …

Warum habe ich damals nicht …

Wenn ich nur früher erkannt hätte …

Das Problem daran:

Die Vergangenheit antwortet nicht.

Sie produziert nur immer neue Konjunktive.

Der Unterschied zwischen Grübeln und Lernen

Natürlich dürfen wir analysieren, was schiefgelaufen ist.

Im Gegenteil.

Das ist sogar notwendig.

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Analyse in Grübeln kippt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

„Was hätte ich anders machen können?“

ist nur der erste Schritt.

Der wichtigere lautet:

„Was weiß ich heute, was ich damals noch nicht wusste?“

Und der vielleicht wichtigste:

„Was mache ich mit diesem Wissen?“

Damit verändert sich die Perspektive.

Aus einem Fehler wird eine Information.

Aus einer Enttäuschung wird Erfahrung.

Aus einer verpassten Chance wird möglicherweise eine neue Entscheidung.

Das ist Kintsugi im übertragenen Sinne.

Nicht schönreden.

Nicht vergessen.

Nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Etwas daraus machen.

Eine gescheiterte Präsentation kann Gold wert sein

Nehmen wir einen ganz normalen Business-Alltag.

Sie halten eine wichtige Präsentation.

Sie haben sich hervorragend vorbereitet.

Und trotzdem springt der Funke nicht über.

Der Auftrag geht an einen Wettbewerber.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten.

Variante 1:

„Die wollten uns sowieso nicht.“

Thema erledigt.

Variante 2:

Sie schauen sich die Situation noch einmal nüchtern an.

Was hat nicht funktioniert?

War die Lösung zu komplex?

Haben wir zu viel über unser Produkt oder unsere Dienstleistung gesprochen und zu wenig über das Problem des Kunden?

Haben wir die entscheidende Person nicht erreicht?

War unsere Präsentation vielleicht hervorragend – aber für diesen Kunden irrelevant?

Dann wird aus der Niederlage Lernkapital.

Beim nächsten Mal gehen Sie anders vor.

Der verlorene Auftrag bleibt verloren.

Aber er hat einen Wert bekommen.

Er hat Ihnen etwas beigebracht, das der nächste Auftrag möglicherweise wertvoller macht.

Das ist der Unterschied zwischen:

„Das ist schiefgegangen.“

und

„Das nehme ich mit.“

Auch Führung produziert Bruchstellen

Ein Mitarbeiter kündigt.

Eine gute Führungskraft ärgert sich darüber.

Eine noch bessere Führungskraft fragt zusätzlich:

„Was sagt uns diese Kündigung über unsere Führung?“

Vielleicht nichts.

Vielleicht war die Entscheidung rein persönlich.

Vielleicht gab es bessere Angebote.

Aber vielleicht steckt darin auch eine Information über:

  • fehlende Entwicklungsmöglichkeiten,
  • unklare Erwartungen,
  • mangelnde Wertschätzung,
  • schlechte Kommunikation,
  • oder eine Führungskultur, die Probleme zu spät wahrnimmt.

Dann wäre es fatal, die Kündigung nur als Verlust zu verbuchen.

Sie könnte auch ein Signal sein.

Und genau hier wird Kintsugi für Führung interessant:

Bruchstellen können Schwachstellen sichtbar machen, die vorher niemand sehen wollte.

Das bedeutet nicht, dass jeder Fehler automatisch wertvoll ist.

Aber wir können entscheiden, welchen Wert wir ihm im Nachhinein geben.

Nicht jede Narbe muss vergoldet werden

Das ist mir bei diesem Thema wichtig.

Kintsugi darf nicht zu einer allzu einfachen Lebensweisheit werden:

„Alles Schlechte passiert aus einem guten Grund.“

Nein.

Manches ist einfach schmerzhaft.

Manches ist unfair.

Manches bleibt Verlust.

Und manche Erfahrungen brauchen Zeit, bevor wir überhaupt etwas Sinnvolles aus ihnen machen können.

Auch die Forschung zum sogenannten posttraumatischen Wachstum beschreibt nicht, dass ein schwieriges Ereignis automatisch zu persönlichem Wachstum führt. Vielmehr berichten Menschen nach schweren Krisen unter anderem von einer stärkeren Wertschätzung des Lebens, intensiveren Beziehungen, neuen Perspektiven und einem größeren Gefühl persönlicher Stärke.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wachstum ist keine automatische Folge des Bruchs.

Es kann aus der Art entstehen, wie wir mit ihm umgehen.

Vier Fragen, die aus einem Problem eine Lernkurve machen können

Wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie Sie es sich gewünscht haben, probieren Sie einmal diese vier Fragen:

1. Was ist tatsächlich passiert?

Ohne Bewertung.

Nur Fakten.

2. Was davon lag in meinem Einflussbereich?

Das trennt Verantwortung von Selbstvorwürfen.

3. Was weiß ich heute, was ich vorher nicht wusste?

Hier entsteht Erfahrung.

4. Was werde ich beim nächsten Mal anders machen?

Hier beginnt Selbstführung.

Und erst bei dieser vierten Frage wird aus Rückblick Zukunft.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst

Wir können nicht verhindern, dass Dinge zerbrechen.

Projekte.

Pläne.

Beziehungen.

Entscheidungen.

Manchmal auch unsere Vorstellungen davon, wie unser Leben eigentlich hätte aussehen sollen.

Aber wir können beeinflussen, was wir daraus machen.

Die Japaner würden vielleicht sagen:

Die Bruchstelle muss nicht verschwinden.

Man darf sie sichtbar lassen.

Und vielleicht sogar etwas daraus machen, das vorher nicht da war.

Eine Erfahrung.

Eine neue Perspektive.

Mehr Klarheit.

Mehr Gelassenheit.

Oder schlicht die Erkenntnis: Das mache ich beim nächsten Mal anders.

Das ist für mich eine sehr praktische Form von Selbstführung:

Nicht ständig versuchen, die Vergangenheit zu reparieren.
Sondern aus ihr etwas für die Zukunft bauen.

Mein Impuls für morgen

Denken Sie an eine Sache, die nicht so gelaufen ist, wie Sie es sich gewünscht haben.

Und schreiben Sie nicht auf:

„Was hätte ich alles anders machen müssen?“

Sondern:

„Was nehme ich daraus mit?“

Und danach:

„Was mache ich beim nächsten Mal anders?“

Vielleicht entdecken Sie dabei eine kleine Bruchstelle.

Vielleicht sogar eine ziemlich große.

Aber vielleicht steckt genau dort etwas, das Sie heute wertvoller macht als damals.

Kintsugi eben.

Nicht alles, was zerbricht, muss weggeworfen werden.
Manches kann man reparieren.
Und aus manchen Bruchstellen wird sogar Gold.
😉