Fleisch an den Knochen bringen😉 Wie aus guten Vorsätzen konkrete Selbstführung wird – und warum Aufschieberitis selten Faulheit ist
Gibt es bei Ihnen auch diese eine Aufgabe, die schon seit Tagen auf der To-do-Liste steht?
Sie ist weder besonders kompliziert noch besonders zeitaufwendig.
Aber irgendwie ist immer etwas anderes wichtiger.
Noch schnell die E-Mails beantworten.
Kurz etwas recherchieren.
Den Schreibtisch aufräumen.
Eine Nachricht schreiben.
Vielleicht erst einmal einen Kaffee.
Und morgen ist schließlich auch noch ein Tag.
Willkommen bei der Aufschieberitis.
Sie ist erstaunlich demokratisch. Führungskräfte haben sie genauso wie Selbstständige, Mitarbeiter und vermutlich auch Menschen, die behaupten, ihre Steuererklärung grundsätzlich sofort zu erledigen. 😉
Aufschieberitis ist selten Faulheit
Wir schieben unangenehme Dinge häufig nicht deshalb auf, weil wir zu wenig Disziplin haben.
Wir schieben sie auf, weil wir das Gefühl vermeiden möchten, das mit der Aufgabe verbunden ist.
Die Nebenkostenabrechnung macht keine Freude.
Das schwierige Gespräch fühlt sich unangenehm an.
Der Stapel Papier nervt.
Die Entscheidung ist mühsam.
Der Anruf, den wir seit drei Tagen vor uns herschieben, verspricht ebenfalls nicht unbedingt gute Unterhaltung.
Also suchen wir uns etwas anderes.
Etwas, das sich besser anfühlt.
Und genau hier wird Aufschieberitis tückisch:
Wir vermeiden nicht unbedingt die Aufgabe. Wir vermeiden das unangenehme Gefühl, das sie auslöst.
Das funktioniert kurzfristig hervorragend.
Man fühlt sich für einen Moment besser.
Leider hat die Aufgabe davon noch nichts mitbekommen.
Der rote Knopf „SPÄTER“
Eigentlich haben wir dafür eine ziemlich ausgefeilte Maschine entwickelt.
Sie könnte ungefähr so aussehen:
SPÄTER
Noch kurz E-Mails checken.
Noch schnell etwas recherchieren.
Erst einmal Kaffee.
Morgen ist auch noch ein Tag.
Ich brauche gerade etwas Ruhe.
Das mache ich nachher.
Und natürlich der Klassiker:
„Ich muss mich erst einmal richtig darauf konzentrieren können.“
Klingt vernünftig.
Ist aber manchmal nur die elegante Version von:
„Ich möchte gerade nicht.“😉
Das Problem: Jedes Drücken des roten Knopfes verschiebt nicht nur die Aufgabe.
Es verschiebt auch die mentale Belastung.
Denn unerledigte Dinge verschwinden selten einfach.
Sie laufen im Hintergrund weiter.
Der offene Tab im Kopf
Vielleicht kennen Sie das:
Sie sitzen abends auf dem Sofa und denken plötzlich:
„Verdammt, die Abrechnung muss ich morgen unbedingt machen.“
Oder:
„Ich muss diesen Anruf noch erledigen.“
Die Aufgabe ist längst nicht mehr auf dem Schreibtisch.
Aber sie sitzt trotzdem mit auf dem Sofa.
Und genau das macht Aufschieberitis so teuer.
Nicht unbedingt in Arbeitszeit.
Sondern in Aufmerksamkeit und Energie.
Wir beschäftigen uns mit Dingen, ohne sie tatsächlich zu erledigen.
Das ist eine besonders perfide Form von Arbeit:
Man ist beschäftigt – aber kommt nicht voran.
Wissen allein verändert noch nichts
Das gilt übrigens nicht nur für Aufschieberitis.
Wir wissen, dass Bewegung gut tut.
Wir wissen, dass Pausen wichtig sind.
Wir wissen, dass Schlaf unsere Leistungsfähigkeit beeinflusst.
Wir wissen, dass Multitasking selten besonders produktiv ist.
Und trotzdem tun wir vieles davon nicht konsequent.
Warum?
Weil Wissen noch kein Verhalten ist.
Erst wenn aus einer Erkenntnis eine konkrete Handlung wird, kommt „Fleisch an den Knochen“.
Und genau hier beginnt Selbstführung.
Fünf kleine Regeln, die tatsächlich funktionieren können
Keine 27-Punkte-Produktivitätsmethode.
Keine neue App.
Kein kompliziertes Selbstoptimierungsprogramm.
Einfach fünf Regeln zum Ausprobieren.
1. Was im Kopf herumspukt, bekommt einen Platz im Kalender.
Nicht:
„Das muss ich irgendwann erledigen.“
Sondern:
„Dienstag, 10:30 Uhr. 30 Minuten. Diese Aufgabe.“
Aus einem diffusen Gedanken wird ein konkreter Termin.
Das entlastet.
2. Die unangenehmste Aufgabe darf ihren Schrecken verlieren.
Fragen Sie sich:
Was ist der kleinstmögliche erste Schritt?
Nicht:
„Ich muss die komplette Nebenkostenabrechnung machen.“
Sondern:
„Ich hole jetzt die Unterlagen heraus.“
Oder:
„Ich öffne die Datei.“
Oder:
„Ich schreibe die erste Position hinein.“
Oft ist der erste Schritt deutlich kleiner als die Aufgabe, die wir daraus in unserem Kopf gemacht haben.
3. Achten Sie auf gut getarnte Aufschieberitis.
Nicht jede Beschäftigung ist produktiv.
E-Mails sortieren.
Dateien umbenennen.
Noch schnell etwas recherchieren.
Den Schreibtisch organisieren.
LinkedIn anschauen.
Alles kann sinnvoll sein.
Aber manchmal ist es auch einfach eine hervorragende Möglichkeit, die eine Sache nicht zu tun, die eigentlich gerade wichtig wäre.
Meine Lieblingsfrage dazu:
„Bringt mich das gerade meinem wichtigsten Ergebnis näher?“
Wenn die Antwort „Nein“ lautet, wissen Sie zumindest, was gerade passiert.
4. Fokus braucht Unterbrechung.
Eine Pause ist keine verlorene Zeit.
Sie kann die Voraussetzung dafür sein, anschließend wieder konzentriert weiterzuarbeiten.
Deshalb:
50 Minuten konzentriert arbeiten.
5–10 Minuten echte Pause.
Und „echt“ bedeutet:
Nicht in der Pause die E-Mails checken.
Nicht schnell noch LinkedIn öffnen.
Nicht die Nachrichten lesen.
Einfach einmal raus aus dem Arbeitsmodus.
Atmen.
Bewegen.
Fenster auf.
Kaffee.
Dann weiter.
5. Am Ende des Tages nicht die Menge, sondern die Wirkung betrachten.
27 erledigte Kleinigkeiten können sich wunderbar anfühlen.
Aber vielleicht war die eine wichtige Aufgabe immer noch dabei, elegant umgangen zu werden.
Deshalb eine andere Frage:
„Was war heute wirklich wichtig – und habe ich es getan?“
Das ist eine viel unbequemere Frage.
Aber vermutlich auch die wertvollere.
Der 5-Tage-Selbstführungstest
Und jetzt wird aus dem Artikel hoffentlich mehr als ein guter Gedanke.
Probieren Sie es einfach einmal fünf Tage aus.
Montag:
Erledigen Sie eine Aufgabe, die Sie schon länger vor sich herschieben.
Dienstag:
Machen Sie zehn Minuten echte Pause – ohne Smartphone.
Mittwoch:
Arbeiten Sie eine Stunde lang ausschließlich an einer Sache.
Donnerstag:
Identifizieren Sie einen Energieräuber und beseitigen Sie ihn.
Freitag:
Fragen Sie sich:
Was hat mir diese Woche Energie gegeben – und was hat sie mir genommen?
Mehr nicht.
Keine neue Lebensphilosophie.
Nur fünf kleine Experimente.
Vielleicht ist Selbstführung viel unspektakulärer, als wir denken
Selbstführung klingt schnell nach großen Begriffen:
Disziplin.
Resilienz.
Mindset.
Zielorientierung.
Persönliche Entwicklung.
In der Praxis ist sie manchmal erstaunlich banal.
Den Anruf machen.
Die Rechnung schreiben.
Das schwierige Gespräch führen.
Den Laptop schließen.
Eine Pause machen.
Nein sagen.
Anfangen.
Und manchmal bedeutet Selbstführung auch, den roten Knopf „SPÄTER“ nicht zu drücken.
Sondern den grünen:
JETZT ERLEDIGEN.
Denn gute Vorsätze bringen noch kein Ergebnis.
Erst Handlung bringt Fleisch an den Knochen. 😉
Mein Impuls für morgen
Nehmen Sie sich morgen früh eine einzige Aufgabe vor, die Sie schon länger vor sich herschieben.
Nicht die wichtigste.
Nicht die schwierigste.
Einfach eine.
Und dann machen Sie etwas sehr Ungewöhnliches:
Sie erledigen sie.
Bevor Sie Ihre E-Mails öffnen.
Bevor Sie noch schnell etwas recherchieren.
Bevor Sie sich einen Kaffee holen.
Bevor Ihr innerer Aufschieberitis-Manager die Sitzung eröffnet.
Vielleicht dauert es zehn Minuten.
Vielleicht 30.
Vielleicht länger.
Aber wenn Sie fertig sind, achten Sie einmal darauf, wie sich das anfühlt.
Nicht nur die Aufgabe ist erledigt.
Auch ein offener Tab im Kopf ist geschlossen.
Und genau darin liegt vielleicht der größte Gewinn.
