Das Handtuch rechtzeitig trocknen đ Warum wir nicht erst völlig durchnĂ€sst sein sollten, bevor wir etwas gegen Stress unternehmen
Morgens ist es trocken, leicht und angenehm.
Dann beginnt es zu regnen.
Nur ein paar Tropfen. Kein Problem.
Sie gehen weiter.
SpÀter kommt der nÀchste Schauer. Dann noch einer. Dazu vielleicht ein paar Spritzer vom Waschbecken und irgendwann ein krÀftiger Regenguss.
Das Handtuch wird immer ein bisschen feuchter.
Nichts davon wĂ€re fĂŒr sich genommen besonders schlimm.
Aber irgendwann ist das Handtuch klamm. Schwer. Unangenehm.
Und plötzlich fragen Sie sich:
Warum bin ich eigentlich so erschöpft, genervt, kurz angebunden?
Vielleicht nicht wegen eines einzigen groĂen Problems.
Sondern weil Sie den ganzen Tag mit einem nassen Handtuch herumgelaufen sind.
Stress ist nicht immer der groĂe Regenguss
Wenn wir von Stress sprechen, denken wir gerne an die groĂen Dinge:
ein wichtiges Projekt, einen Konflikt, Zeitdruck, eine schwierige Entscheidung.
Doch unser Alltag besteht hÀufig aus viel kleineren Regentropfen.
Die Nachricht, auf die wir eigentlich keine Lust haben.
Der Kollege, der zum dritten Mal mit derselben Frage kommt.
Der Termin, der sich nahtlos an den nĂ€chsten anschlieĂt.
Die Rechnung, die noch nicht geschrieben ist.
Das kurze GesprÀch, das uns mehr beschÀftigt, als es eigentlich sollte.
Der Gedanke, den wir seit dem FrĂŒhstĂŒck mit uns herumtragen.
Ein Tropfen macht kein nasses Handtuch.
Aber viele Tropfen ohne eine Gelegenheit zum Trocknen eben schon.
Und genau hier wird SelbstfĂŒhrung interessant.
Die Frage ist nicht: Wie vermeide ich jeden Stress?
Das wÀre vermutlich ein ziemlich langweiliges Leben.
Herausforderungen gehören dazu.
Manchmal wollen wir sogar genau das: ein anspruchsvolles Projekt, ein schwieriges GesprÀch, eine neue Aufgabe, etwas, an dem wir wachsen können.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
âWie verhindere ich Stress?â
Sondern:
âWie gehe ich mit den Belastungen um, die sich im Laufe des Tages ansammeln?â
Denn zwischen zwei Regenschauern könnte man das Handtuch ja durchaus einmal in die Sonne hÀngen.
Genau das tun wir erstaunlich selten
Wir wechseln von einem GesprÀch ins nÀchste.
Vom Kundentermin direkt an den Rechner.
Vom Rechner direkt ins Auto.
Im Auto noch schnell zwei Nachrichten.
Zu Hause wartet schon das nÀchste Thema.
Und wÀhrenddessen tragen wir alles mit uns herum.
Wir schlieĂen Termine ab â aber nicht unbedingt die damit verbundenen Gedanken.
Der Kunde ist lÀngst verabschiedet, aber das GesprÀch lÀuft im Kopf noch weiter.
Das Meeting ist beendet, aber die ungeklÀrte Frage nehmen wir mit.
Die unangenehme Mail ist beantwortet, aber die Anspannung bleibt.
Der Regen hat aufgehört.
Nur das Handtuch ist noch nass.
Kleine Trocknung statt groĂer Reparatur
Vielleicht mĂŒssen wir deshalb nicht immer gleich das groĂe Entspannungsprogramm organisieren.
Manchmal reichen kleine Unterbrechungen:
Ein paar Minuten rausgehen.
Nach einem schwierigen GesprÀch nicht sofort ins nÀchste springen.
Den Rechner schlieĂen und einmal um den Block gehen.
Ein paar bewusste AtemzĂŒge nehmen.
Musik hören.
Sport machen.
Mit jemandem lachen.
Oder einfach einmal fĂŒnf Minuten nichts Produktives tun.
Nicht weil fĂŒnf Minuten Wunder bewirken.
Sondern weil wir damit verhindern, dass aus vielen kleinen Tropfen irgendwann ein komplett durchnÀsstes Handtuch wird.
Und manchmal muss man den Regen gar nicht erst aufdrehen
Noch interessanter wird es, wenn wir unsere eigenen âRegentropfenâ kennen.
Vielleicht wissen Sie lÀngst, welche Situationen Sie besonders viel Energie kosten.
Dann könnte SelbstfĂŒhrung auch bedeuten, gelegentlich vor dem nĂ€chsten Schauer kurz innezuhalten:
Muss ich das jetzt wirklich tun?
Muss ich darauf sofort reagieren?
Kann ich diesen Termin anders gestalten?
Kann ich diese offene Schleife endlich schlieĂen?
Oder produziere ich gerade selbst ein paar zusÀtzliche Regentropfen?
Denn manchmal ist Stress nicht nur etwas, das uns widerfÀhrt.
Manchmal tragen wir auch selbst ein bisschen zum Wetter bei.
Warten, bis das Handtuch tropft, ist keine gute Strategie
Das Interessante an der Metapher ist:
Ein trockenes Handtuch wieder trocken zu halten, ist ziemlich einfach.
Ein völlig durchnÀsstes Handtuch zu trocknen, ist deutlich aufwendiger.
Genauso verhÀlt es sich mit unserer Belastung.
Je lÀnger wir kleine Anspannungen einfach mitnehmen, desto mehr Energie kostet es, wieder auf ein gutes Niveau zu kommen.
Deshalb braucht gute SelbstfĂŒhrung nicht unbedingt mehr Disziplin.
Manchmal braucht sie nur etwas frĂŒher Aufmerksamkeit.
Nicht erst:
âIch kann nicht mehr.â
Sondern schon:
âMein Handtuch wird gerade ziemlich schwer.â
Vielleicht ist das eine ganz brauchbare Frage fĂŒr den Alltag:
Wie nass ist mein Handtuch gerade?
Noch trocken?
Ein bisschen klamm?
Schon ziemlich schwer?
Oder tropft es bereits?
Die Antwort darauf verÀndert vielleicht nicht das Wetter.
Aber sie kann verÀndern, was wir als NÀchstes tun.
Denn wir mĂŒssen nicht auf den groĂen Regenguss warten, um etwas fĂŒr uns zu tun.
Manchmal reicht ein bisschen Sonne. đ
